DFG-Projekt: Wissenschaftliche Erschliessung des Aktenbestandes R179 der NS-"Euthanasie"

Leitung des Projektes:
Dr. Gerrit Hohendorf
Prof. Dr. Christoph Mundt
Prof. Dr. Wolfgang Eckart

Zusammensetzung der Arbeitsgruppe:
Mitarbeiter:
Dr. Petra Fuchs
Dr. Paul Richter
Dr. Maike Rotzoll

Weitere Mitarbeiter:
Dr. Annette Hinz-Wessels
Christine Hoffmann
Philipp Rauh
Babette Reicherdt
Stefanie Schmitt
Sascha Topp
Nadine Zierau

 

Kooperationspartner:

Dr. Thomas Beddies
Institut für Geschichte der Medizin - Charité Universitätsmedizin Berlin


Prof. Dr. Wolfgang Uwe Eckart
Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg


Matthias Meissner
Bundesarchiv Berlin

Dr. Ulrich Müller
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der HHU, Rheinische Kliniken Düsseldorf

Dr. Martin Roebel
Universitätsklinikum Jena
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie


Prof. Dr. Ulrike Hass
Universität Duisburg-Essen
Geisteswissenschaften
Germanistik/ Linguistik

Franz Karl Bühler (1864-1940)
Das selbst, 1919, Kreide auf Aquarellpapier
Sammlung Prinzhorn

   

 

Forschungsschwerpunkte und Ziele:

Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (HO 2208/2 - 1-3), die Boehringer Ingelheim-Stiftung und die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg gefördert.
Projektlaufzeit: April 2002 bis März 2006

Anfang der 90er Jahre wurden im ehemaligen Zentralarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR bisher unbekannte Dokumente aus der NS-Zeit gefunden, unter ihnen ca. 30.000 Krankenakten. Sie konnten als Teil der bis dahin als verschollen geltenden Akten von Patienten und Patientinnen identifiziert werden, die in den Jahren 1940/41 der ersten zentral organisierten Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus, der sog. Aktion T4, zum Opfer fielen. In 6 Tötungsanstalten wurden ca. 70.000 Anstaltspatienten und Anstaltspatientinnen aus dem damaligen Reichsgebiet durch Gas getötet.
Nach einer Vorstudie an 185 zufällig ausgewählten Krankenakten (Maike Rotzoll) wurde eine Zufallsstichprobe von 3000 Krankenakten mit einem statistischen Auswertungsschema untersucht. Zugleich wurde eine Vergleichsstichprobe von Patienten aus 11 Heil- und Pflegeanstalten erhoben, die nicht der "Aktion T4" zum Opfer fielen. Wesentliche Fragestellung ist, welche Gruppen von Patienten im Vergleich zu den vorgegebenen Selektionskriterien (Erbkrankheit/ Unheilbarkeit/ Leistungsunfähigkeit) tatsächlich getötet wurden. So sollen die Motive, Kriterien und Entscheidungsprozesse, die zur Tötung führten, transparenter werden. Auf einer neuen empirischen Basis können dann bislang offene Fragen zum Verhältnis von rassenhygienischen und ökonomischen Motiven und damit zur Planrationalität der NS-Vernichtungsmaßnahmen einer Klärung nähergebracht werden. Als vorläufiges Ergebnis lässt sich festhalten, dass der größte Teil der Opfer über einen langen Zeitraum (Median 10 Jahre) hospitalisiert war und die Diagnose Schizophrenie oder Schwachsinn trug. Etwa die Hälfte der Opfer der "Aktion T4" wurde als nicht arbeitsfähig und pflegeabhängig eingeschätzt, ein Viertel war mit sogenannten mechanischen Arbeiten beschäftigt und 10% wurden trotz "produktiv" eingeschätzter Arbeitsleistung ermordet.

Über diesen empirischen Forschungsansatz hinaus ist es ein wesentliches Anliegen des Projektes, an die Opfer dieser ersten systematischen Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus zu erinnern und die Invidualität ihrer Lebensgeschichten deutlich werden zu lassen. Innerhalb der Arbeitsgruppe fand eine intensive biografische Arbeit in Kooperation mit Dr. Ulrich Müller von der Forschungsstelle für Psychiatrische Soziologie der Rheinischen Kliniken Düsseldorf/ Kliniken der Heinrich-Heine-Universität statt. 23 Lebensgeschichten sind soeben in einem Lesebuch unter dem Titel "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst" publiziert worden, das sich auch an eine breitere Öffentlichkeit wendet.

Gesonderte Untersuchungen wurden zu den Kindern unter den Opfern der "Aktion T4", zu den jüdischen Opfern und zu Opfergruppen aus Ostpreußen, Tschechien und Slowenien durchgeführt.

Im September 2006 wurden die Ergebnisse des Projektes im Rahmen eines Internationalen Kolloquiums am Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg unter dem Titel "Die nationalsozialistische 'Euthanasie'-Aktion T4 und ihre Opfer" in der Fachöffentlichkeit diskutiert. Ein Bericht findet sich im Internet.
Ein Tagungsband wird im Jahr 2008 bei Schöningh erscheinen. Eine Monographie mit den Projektergebnissen ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich in der wissenschaftlichen Schriftenreihe der "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas" erscheinen.

 

Publikationen des Projektes:

Rotzoll, Maike; Hohendorf, Gerrit (2001): Ein Projekt zur Auswertung der T4-Krankenakten aus dem Bestand R 179 des Bundesarchivs Berlin in: Bundesarchiv (Hg.): Frühjahrstagung 12.-14. Mai 2000 in Berlin-Lichterfelde des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation, Berlin 2001: 51-65

Hohendorf, Gerrit; Rotzoll,Maike; Richter, Paul; Eckart, Wolfgang; Mundt, Christoph (2002): Die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie-Aktion T4". Erste Ergebnisse eines Projektes zur Erschliessung von Krankenakten getöteter Patienten im Bundesarchiv Berlin. Nervenarzt 73: 1065-1074

Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike; Richter, Paul; Eckart, Wolfgang; Mundt, Christoph (2003): The victims of the National Socialist "T4" euthanasia programme - Preliminary results from the analysis and interpretation of patient files stored in the Federal Archive in Berlin, B.I.F. Futura 18, 2003, Heft 1, S. 23-34

Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike; Richter, Paul; Fuchs, Petra; Hinz-Wessels, Annette; Mundt, Christoph; Eckart, Wolfgang U. (2003): Vom Wahn zur Wirklichkeit - Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt analysiert Krankenakten von Opfern der ersten zentral organisierten Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus, Deutsches Ärzteblatt 100, 2003, S. A 2626-2630

Fuchs, Petra; Rotzoll, Maike; Richter, Paul; Hinz-Wessels, Annette; Hohendorf, Gerrit (2004): Minderjährige als Opfer der Krankenmordaktion "T4", in: Beddies, Thomas; Hübener, Kristina (Hg.): Kinder in der NS-Psychiatrie (= Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte des Landes Brandenburg 10), Berlin: be.bra, S. 55-70

Rotzoll, Maike; Fuchs, Petra; Hinz-Wessels, Annette; Hohendorf, Gerrit; Richter, Paul (2004): Frauenbild und Frauenschicksal - Weiblichkeit im Spiegel psychiatrischer Krankengeschichten zwischen 1900 und 1940, in: Brand-Claussen, Bettina; Michely, Viola (Hg.) (2004): Irre ist weiblich - Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900 (Ausstellungskatalog), Heidelberg: Sammlung Prinzhorn/Wunderhorn, S. 45-52

Rotzoll, Maike; Hohendorf, Gerrit; Fuchs, Petra; Hinz-Wessels, Annette; Richter, Paul (2004): "Unerträgliche Belästigung" als Todesurteil - Störendes Verhalten war Selektionskriterium der nationalsozialistischen "Euthanasie-Aktion T4", Kerbe 22, Heft 3, 2004, S. 32-34

Rotzoll, Maike; Hinz-Wessels, Annette; Fuchs, Petra; Richter, Paul; Hohendorf, Gerrit (2004): Anstaltspatient und Jude zur NS-Zeit. Das zweifach gefährdete Leben des Heidelbergers B. Oppenheimer, in: Heidelberger Geschichtsverein (Hg.) (2004): Heidelberg Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2004/2005, Redaktion: Jochen Goetze, Ingrid Moraw, Petra Nellen, Reinhard Riese, hrsg. für den Vorstand von Hans-Martin Mumm und Norbert Giovannini, Heidelberg: Kurpfälzischer Verlag, S. 201-216

Fuchs, Petra; Rotzoll, Maike; Hohendorf, Gerrit; Richter, Paul (2005): Die Opfer der "Aktion T4": Versuch einer kollektiven Biographie auf der Grundlage von Krankengeschichten, in: Tögel, Christfried; Lischka, Volkmar (Hg.): "Euthanasie" und Psychiatrie, Uchtspringer Schriften zur Psychiatrie, Neurologie, Schlafmedizin, Psychologie und Psychoanalyse, Bd. 3, Uchtspringe: Sigmund-Freud-Zentrum, S. 37-68

Hinz-Wessels, Anette; Fuchs, Petra; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (2005): Zur bürokratischen Abwicklung eines Massenmordes. Die "Euthanasie"-Aktion im Spiegel neuer Dokumente. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53, Heft 1, 79-107

Fuchs, Petra; Hohendorf, Gerrit; Rauh, Philipp; Hinz-Wessels, Annette; Richter, Paul; Rotzoll, Maike (2006): Die NS-"Euthanasie"-Aktion-T4 im Spiegel der Krankenakten - Neue Ergebnisse historischer Forschung und ihre Bedeutung für die heutige Diskussion medizinethischer Fragen, in: Vormbaum, Thomas (Hg.): Jahrbuch der Juritischen Zeitgeschichte Band 7 (2005/2006), Berlin: Berliner Wissenschaftsverlag, S. 16-36

Fuchs, Petra; Rotzoll, Maike (2006): Die Selektionskriterien der nationalsozialistischen "Euthanasie" am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe, in: Hoffmann, Ute (Hg.) (2006): Psychiatrie des Todes - NS-Zwangssterilisation und "Euthanasie" im Freistaat Anhalt und in der Provinz Sachsen Teil 2, Magdeburg: Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, S. 47-57

Hohendorf, Gerrit; Fuchs, Petra; Rotzoll, Maike; Hinz-Wessels, Annette; Rauh, Philipp; Richter, Paul (2006): Krankenmord im Nationalsozialismus - Ergebnisse eines Projektes zu den psychiatrischen Patientenakten von den Opfern der "Aktion T4" (Bundesarchiv Berlin, Bestand R 179), in: Platz, Werner; Schneider, Volkmar (Hg.): Todesurteil per Meldebogen - Ärztlicher Krankenmord im NS-Staat Beiträge zur "Aktion T4" Teil I (= Gegen Verdrängen und Vergessen Bd. 1), Berlin: Hentrich & Hentrich, S. 39-69

Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike; Fuchs, Petra; Hinz-Wessels, Annette; Richter, Paul (2006): Die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Aktion T4 in der Tötungsanstalt Hadamar, in: George, Uta; Lilienthal, Georg; Roelcke, Volker; Sandner, Peter; Vanja, Christina (Hg.): Hadamar - Heilanstalt - Tötungsanstalt - Therapiezentrum, Marburg: Jonas-Verlag, S. 176-188

Rotzoll, Maike; Richter, Paul; Fuchs, Petra; Hinz-Wessels, Annette; Topp, Sascha; Hohendorf, Gerrit (2007): The First National Socialist Extermination Crime: the so-called "T4 Program" and its Victims, International Journal of Mental Health 35, Heft3, Herbst 2006, S. 17-29

Fuchs, Petra; Rotzoll, Maike; Müller, Ulrich; Richter, Paul; Hohendorf; Gerrit (Hg.) (2007): "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst" - Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie", Göttingen: Wallstein